Ein Raunen ging durch die Wuhlheide, als AnnenMayKantereit als Vorband der Beatsteaks im letzten Juli deren zwei Berlinkonzerte eröffneten und Henning May die ersten Töne in das Mikro sang. „Whoa, krass“ dachten sich wohl viele. Dass dieser schlaksige, junge Typ so eine markante kratzige Stimme hat, damit hat wohl niemand gerechnet. Damals schienen AMK – wie sie inzwischen gerne abgekürzt werden – noch eine Art Insidertipp zu sein. Von Straßenmusikern, die über Youtube einige Songs verbreiteten, über die ersten kleineren Festivals bis hin zur „Band der Stunde“. Als AnnenMayKantereit schon Vorband von Clueso, den Beatsteaks oder Casper waren, hatten sie noch kein Album veröffentlicht und nicht mal einen Plattenvertrag in der Tasche. Ihre EP „Wird schon irgendwie gehen“ haben sie in Eigenregie auf den Markt gebracht. Doch nach dem ganz großen Hype letztes Jahr ließ der Plattenvertrag dann doch nicht mehr allzu lange auf sich warten. Übrigens direkt beim Majorlabel Universal. Am 18.03. erschien dann endlich das wohl lang ersehnte Album Alles Nix Konkretes dieser Newcomerband aus Köln, auf das wohl inzwischen auch die Kritiker gewartet haben. Und was passiert – außer, dass die Band nur wenige Wochen nach dem Erscheinen schon Gold für ihr Erstlingswerk eingefahren hat? Richtig, es wird komplett zerrissen. Zumindest vom Feuilleton.
Die FAZ findet ihre Texte „erschreckend banal“, die Süddeutsche ist froh, dass sie diese Jungsgefühle über die die Band singt als Erwachsene nicht mehr fühlen müssen. Und Zeitonline vergleicht Henning Mays Stimme zwar mit der von Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks, aber auch die Texte seien genauso schlecht, nur eben auf Deutsch. Soweit so gut.
Langweilig und unpolitisch?
Wenn man sich weiter durch diverse Artikel über diese „Band der Stunde“ liest, wird man irgendwie wütend. Da wird kritisiert, dass AnnenMayKantereit keine politischen Texte haben, sondern sich nur mit belanglosen Mitzwanzigerthemen wie Trennungen, Fernbeziehungen oder Erwachsenwerden beschäftigen. Vielleicht haben die so genannten Kritiker sich ja auch einfach nur zu viel von dieser Band versprochen. Aber wir fragen uns dennoch: Warum wird erwartet, dass diese Band überhaupt wichtige politische Themen besingt? Wird doch von anderen Musikern auch nicht erwartet! Oder ist es ein Kriterium einer „guten“ Band, über gesellschaftspolitische Themen zu singen und sich zu positionieren? Zwar fallen mir spontan einige deutsche Bands und Künstler ein, die sich solcher Themen in ihren Texten bedienen, aber das passiert dann ja ganz freiwillig und niemand hat vorher danach verlangt. Mal ganz davon abgesehen, dass die meisten Musiker immer noch hauptsächlich über Liebe und Schmerz singen.
Aber kommen wir zum Album. Das gefällt nämlich sehr. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst im Alter der Bandmitglieder bin, aber ich kann mich durchaus mit vielen ihrer Texte identifizieren. Und seien wir mal ehrlich, viel anders ist das bei Kraftklub doch auch nicht. Auch da gibt es viele – vor allem sehr junge Fans – die sich irgendwie in ihren Themen der leicht ironisch getexteten Songs wieder finden. Ähnlich auch bei Casper. Und dass AnnenMayKantereit zuletzt oft und gerne mit Wanda verglichen wurden, liegt doch auch nur daran, weil die sympathischen Wiener eben fast zeitgleich für Aufmerksamkeit auf dem deutschen Musikmarkt sorgten.
Alles Nix Konkretes beginnt mit einem Song, der vermutlich schon vorher bekannt war. „Oft gefragt“ beschreibt eine Vater-Sohn-Beziehung, mit all ihren Erinnerungen und Gedanken. Auch, wenn damit vielleicht nicht das Rad neu erfunden wurde, war es genau dieser Song, der mich vor über einem Jahr schon genauer hinhören ließ. Denn irgendwie klingt es anders. Irgendwie unkonventionell. Ich finde genau dieses Wort beschreibt die Band und ihre Songs auch ganz gut. Denn vor allem in ihrer Art zu texten bringen AnnenMayKantereit eine gewisse Unkonventionalität mit. Natürlich klingen Textzeilen wie „Ach weißt du muss, muss und bei dir? Und sonst so? Was geht so heute Abend?“ in „Es geht mir gut“ eigentlich total simpel und einfach. Aber vielleicht ist es auch daher eher untypisch für einen Songtext. Manchmal könnte man meinen, dass der gesungene Text rhythmisch gar nicht zur Musik passt, doch dann stellt man fest, dass vielleicht genau das der Grund ist, warum es so ins Ohr geht.
Christopher Annen, Henning May, Severin Kantereit und ihr Bassist Malte Huck, der seit 2014 dabei ist, lassen in ihrem Album mal Folk, mal Jazzeinflüsse und mal Rock’n Roll anklingen. Vor allem die Acousticgitarre sticht – neben Hennings Stimme – dabei in den Vordergrund. Natürlich geht das eingängige „Pocahontas“ über eine gescheiterte Liebesbeziehung direkt ins Ohr. Aber auch das langsame „3. Stock“, bei dem die Gefühle einer Fernbeziehung ohne großes Pathos beschrieben werden, bleibt im Gedächtnis. Und neben den ganzen Gefühlsduseleien wird natürlich auch das Erwachsenwerden thematisiert. In „Neues Zimmer“ besingt Henning den Umzug in eine neue WG. Hierbei kommt vor allem bei den Strophen die Stimme des Sängers am besten zur Geltung, da er lediglich von einer Klaviernote begleitet wird.
„Du verschwendest deine Jugend zwischen Kneipen und WGs“
„21, 22, 23“ dagegen kommt mit seinem Stakkatorhythmus rockig und schnell daher. Wie gut, dass man sich jetzt nicht mehr alleine mit dem Gedanken fühlen muss, dass man vielleicht in seinen 20ern noch nicht wirklich weiß, was man mit seinem Leben anfangen möchte. Noch einmal Trennungsschmerz gibt es bei „Barfuss am Klavier“, einer Ballade die es schon im Vorfeld auf Youtube zu hören gab und wofür die Band sogar den Webvideopreis bekam. Ein bisschen schade ist hierbei, dass am Text einiges verändert wurde. Mir gefällt die Youtube-Version deutlich besser, aber der Song ist immer noch wunderschön, was vor allem an dem melodischen Klavierspiel liegt. Das Album schließt letztlich mit einem Lied über das Tourleben und zeigt in seinem Intro, das ein wenig an The Clash erinnert, auch auf, wer durchaus musikalische Einflüsse der Band sein könnten.
Das Gefühl der Einsamkeit, der Verliebtheit, des Vermissens, des Erwachsenwerdens, des Sich-Entfernen. Eigentlich alles Themen, die man selbst irgendwie kennt. Vielleicht sind die Mehrheit der Leute auf der komplett ausverkauften Tour von AnnenMayKantereit meist Studenten, die sich gut in diese zeitlosen Themen hineinversetzen können. Vermutlich auch noch ein paar ältere Semester dazwischen. Andere kommen vielleicht erst dann zu ihren Konzerten, wenn die Band doch mal politische Themen anspricht, wer weiß das schon.
Bis dahin bleiben AnnenMayKantereit sich aber hoffentlich treu und schreiben einfach nur Texte aus dem Leben, über Erfahrungen und Erlebnissen und bleiben damit authentisch. Wir freuen uns jedenfalls, die Jungs im Sommer beim Juicy Beats und Highfield Festival live zu sehen!
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