„Be prepared for hell“. Zu dieser Aussage passend flackern verstörende Bilder von brennenden und schwarz verkohlten Schaufensterpuppen über die großen Leinwände. Noch bevor sie die Bühne überhaupt betreten haben, geben Slipknot die atmosphärische Marschroute für den Abend heraus: Düster. Gefährlich. Und eine kleine Prise Wahnsinn.

Mit „The Negative One“ eröffnen sie das Konzert standesgemäß mit der ersten Singleauskopplung ihres aktuellen Albums .5: The Grey Chapter. Die Bühnenshow der Band ist dabei seit 17 Jahren unverändert: Eine Horde von wahnsinnigen Musikern, die brachial am Grad der Selbstzerstörung über die Bühne toben. Auch in München machen sie dabei an diesem Abend keine Ausnahme. Gespeist wird diese Show insbesondere von Vocalist Corey Taylor und Percoussionist Shawn „Clown“ Crahan, die gemeinsam das Herz der Band bilden und wie Besessene auf der Bühne agieren. Gerade Taylor merkt man hier an, dass hinter all den wütenden Texten, die Slipknots Lieder gerade für ihre Hörer so besonders machen, ein kleiner Funken Wahrheit steckt. Taylor versteht es, das Gesicht hinter seiner Maske verborgen, Emotionen allein über seine Bühnenpräsenz zu transportieren, die zwischen gewalttätiger Aggression, Verzweiflung und völliger Zufriedenheit variieren. Diese Ambivalenz lässt es auch zu, dass Taylor sich glaubwürdig von Herzen bei seinem Publikum und seiner Band bedanken kann, ohne, dass es das Gesamtbild Slipknot zerstört. Dabei verzichten Slipknot auf ihrer Setlist auf alle ruhigeren Songs wie beispielsweise „Snuff“ oder „Vermillion Pt.2“, der melodischste Song des Abends bleibt „Dead memories“. Vielmehr ist das Konzert ein besonderes Schmankerl für alle, die die Band schon seit Jahren verfolgen.Viele Hits aus ihrem jetzt 15 Jahre alten Album Iowa finden den Weg auf die Bühne.

Die komplette, von Slipknot stets geforderte, Mayhem zieht allerdings erst in die Münchener Olympiahalle ein, als „Psychosocial“ angestimmt wird. Mit einem Mal bricht in der Arena die völlige Ekstase aus. Aus den knapp 10.000 Kehlen hört man den wutschnaubend gebrüllten Refrain gegen die hämmernden Percussions anschreien, nur um später dann mit vollster Seele das selbstzerstörerische „Duality“ anzustimmen. „I push my fingers into my eyes, it’s the only thing that slowly stops the ache“ hört man von allen Seiten, gekonnt dirigiert von Frontmann Corey Taylor, der an dieser Stelle bewusst dem Publikum den Gesang überlässt. Genau das sind Momente, die dieses Konzert zu etwas Besonderem machen: das Publikum verschmilzt zu einer Einheit, in der man selbst allen Gefühlen freien Lauf lassen kann. Allein für diesen nahezu katharsisch anmutenden Moment hat sich der Ticketkauf gelohnt. Obendrein bekommt man eine Show erster Klasse serviert. Wie es scheint haben die Mitglieder von Slipknot in ihrer mehr als sechsjährigen Livepause nichts verlernt. Sowohl musikalisch als auch visuell präsentieren sie sich auf dem gewohnten Topniveau und auch die neuen Bandmitglieder rund um Alessondro Venturella, der den 2010 verstorbenen Paul Grey ersetzt und Neuschlagzeuger Jay Weinberg, der in die großen Fußstapfen des Joey Jordison tritt.
Ein einziger Makel an dem sonst so rundum gelungen Abend, der von der Vorband Suicidal Tendencies gut eingeleitet wurde, blieb jedoch dennoch: knapp 90 Minuten Spielzeit sind für eine Band wie Slipknot deutlich zu wenig. Die Kürze des Konzerts trübt ein wenig den Gesamteindruck, da viele großartige Lieder der Band nicht live dargeboten wurden, aber auf der anderen Seite: Der Abend war eine großartige Homage an vergangene Tage, und das Gesamtkunstwerk Slipknot. Ein Abend für all die langjährigen Fans, die an der doch spezielleren Songauswahl definitiv nichts zu meckern hatten.
Schreibe einen Kommentar