„Live fast, die old“, mit diesem leicht abgewandelten Zitat erinnert Frank Turner heute an den Grundsatz „Live fast die young“ der von London ausgehenden Punk-/Hardcoreszene. Als Jugendlicher war Turner selbst Mitglied der Londoner Hardcore Szene, die Anfang der 1970er Jahre aus einer zutiefst geschockten und desillusionierten Jugendgeneration hervoging. Geprägt von Zukunftssorgen und Perspektivlosigkeit stellte sich die englische Jugend gegen das steife Korsett des englischen Klassensystems und prangerte den Status Quo der Gesellschaft mit offenkundig rebellischen Tabubrüchen an. „God save the Queen the fascist regime“ fassten The Sex Pistols die Identität einer Subkultur zusammen. Das Aufkommen des Hardcore Punk verstärkte die zunehmende Ernshaftigkeit und Aggressivität innerhalb der Szene. Statt bloßem Nonkonformismus wurden nun Forderungen nach radikalen sozialen und politischen Veränderungen laut. Mit Margret Thatcher als Sinnbild für eine konservative Wende im Land, lebte die Punksubkultur nach dem Selbstanspruch, proaktiv zu sein und sich gegen jegliche Form von Mainstream und kultureller Vereinnahmung zu stellen. Vielmehr war der DIY Gedanke prängend für die Lebensgestaltung der Jugendlichen, die sich eher künstlerischen Ausdrucksformen zuwandten. Dabei lag der Fokus nicht darauf, durch besondere künstlerische Qualität das eigene Anliegend zu unterstreichen, vielmehr hob man durch die Unvollkommenheit und die Individualität die eigne Musik und Lebensweise hervor. Im Mittelpunkt stand dabei die eigene Subjektivität, das Leiden am Zustand der Welt, welches sichtbar gemacht werden sollte.
Studium an der Elite Uni
Wie Frank Turner im Gespräch feststellte, änderten sich die Grundsätze der Subkultur im Laufe der Jahre kaum. Er selbst war Kind der Londoner Subkultur, ein Jugendlicher, der seinen Platz in einer Gesellschaft suchte, in die er scheinbar doch nicht gehörte. Als Stipendiat am Eton College, in der Nähe von London, genoss er eine herausragende Bildung, mit elitären Klassenkameraden wie Prinz William und doch gehörte er als Kind einer Arbeiterfamilie aus Wessex nicht zum englischen Establishment. Vielmehr fühlte er sich unter seinen Mitschülern unwohl. Sein Aufbegehren fand er in der Musik, hörte Alben von The Clash, den Urvätern der britischen Punkszene und fühlte sich verstanden. Er wandte sich der Londoner Musikszene zu und wurde Teil der Punk-/Harcorebewegung. Mit seiner ehemaligen Hardcoreband „Million Dead“ erreichte er einen durchaus überschaubaren Ruhm in seiner Heimat England. Nach der Bandtrennung tingelte Turner jahrelang mit einer Akkustikgitarre durch Kneipen und Bars. Heute spielt Frank Turner gemeinsam mit seiner Band „The Sleeping Souls“ vor tausenden begeisterter Zuhörer und verkauft mühleos die größten Hallen in Großbritannien aus. Im Zuge der Veröffentlichung seines sechsten Studioalbums „Positive Songs for Negative People“ und seiner Europatour sprachen wir mit ihm über seine Rolle in der Londoner Punk-/Hardcoreszene und den Einfluss seiner Musik auf seine Hörer.

Wie fühlt es sich an, wieder auf Tour zu sein, nach deiner Winterpause?
Frank: Wir hatten zwei Wochen Pause und in der Zeit hatte ich einiges zu tun, es war ja Weihnachten und dann auch noch mein Geburtstag, da floß schon einiges an Alkohol. Aber es fühlt sich nie so an, als hätte ich wirklich Pause vom touren. Aber da beschwere ich mich nicht drüber,es ist super, derzeit wieder in Deutschland unterwegs zu sein. Im November waren wir in auf einer ziemlich großen UK Tour, aber wenn man sich die Hallengröße anschaut, das blieb die letzten Jahre wirklich gleich in England und hier: Das ist die größte Tour, die wir in Deutschland jemals gespielt haben, wir machen inzwischen sogar einige TV Auftritte hier. Es ist wirklich aufregend, hier zu sein.
Ihr seid ja mit euerem neuen Album „Positive Songs for Negative People“ unterwegs, wie fühlt es sich an, die neuen Songs live zu spielen?
Frank: Das ist super! Es ist schön, dass die Leute sogar nach den Liedern fragen und auch mitsingen. Das ist jetzt inzwischen mein sechstes Album und jede Karriere hat ihre Höhen und Tiefen, wie das bei den meisten Karrieren im Musikbusiness ist. Ich bin sehr dankbar, dass die Leute meine Musik immer noch hören wollen, das ist wirklich schön.
„Wenn mich jemand fragt, an wenn denn die Lieder gerichtet sind, die ich schreibe, kann ich immer nur sagen: An mich. Ich bin dieses Arschloch.“
Wenn wir schon über „Positive Songs for Negative People“ sprechen, um ehrlich zu sein, dein vorheriges Album klang ziemlich traurig…
Frank: Das stimmt auf jeden Fall und je länger das neue Album raus ist, umso mehr denke ich, dass die beiden Alben durchaus gegensätzlich sind, aber dennoch zusammen gehören. ‚Tape Deck Heart“ hatte einen sehr langwierigen Aufnahmeprozess, es ist sehr düster geworden. Es geht um Scheitern und um das Gefühl, dass das Leben aus den Fugen gerät. „Positive Songs“ haben wir dagegen sehr schnell eingespielt und es klingt komplett anders und behandelt auch andere Themen. Im Prinzip sind die beiden Alben wie Tag und Nacht anzusehen, um das zu verbildlichen.
Man hört das den Texten auf „Positive Songs“ an, dass du eine gute Zeit hattest beim Aufnehmen. Wie ist das eigentlich, es gibt ja viele Leute, die gerade deine Texte sehr gerne mögen. Denkst du, dass deine Lieder einen Einfluss auf deine Hörer haben?
Frank: Hm… ich kann das definitiv nicht verneinen. Ich meine, ich habe schon Mails bekommen, in denen mir das gesagt wurde oder ich habe nach den Konzerten mit jemandem darüber gesprochen. Das ist etwas, über das ich versuche nicht allzu viel nachzudenken. Meine Verantwortung ist, die besten Songs zu schreiben, wie ich nur kann. Dabei ist natürlich die Interpretation eines Liedes von großer Bedeutung und ich kann den Hörern nicht vorschreiben, wie sie auf die Lieder zu reagieren haben. Aber natürlich ist es ein sehr schönes Kompliment zu hören, wenn deine Lieder Menschen etwas bedeuten und das nehme ich gerne an. Ich versuche das umzusetzen, was ich für ein gutes Lied halte und was danach passiert, wird dann geschehen. Wenn mich jemand fragt, an wenn denn die Lieder gerichtet sind, die ich schreibe, kann ich immer nur sagen: An mich. Ich bin dieses Arschloch.

Wenn wir schon davon sprechen, können wir uns das vielleicht von einer anderen Seite aus anschauen? Gab es denn für dich einen Song, der dich beeinflusst hat?
Frank: Da gibt es viele, aber um ehrlich zu sein, die Frage ist viel schwieriger zu beantworten als ich dachte, wenn ich so nachdenke. Das hat einen Grund. Ich habe den größten Teil meines Lebens damit verbracht, über Songwriting nachzudenken, da gibt es natürlich viele Einflüsse. Wenn ich jetzt überlege, welche Lieder mich als Person selbst beeinflusst haben, ist das wahrscheinlich die Arbeit von John K. Samson. Seine Songs haben mich als Texter natürlich stark inspiriert, aber ich erinnere mich auch daran, als ich die Zeilen „We’re talented and bright/We’re lonely and uptight“ (An. d. Red: The Weakerthans-Watermark) hörte, wusste ich, dass alles in Ordnung ist in meinem Leben, das war für mich eine richtig große Sache, dieses Lied zu hören. Auf der anderen Seite bin ich mit Bands wie The Clash und Black Flag aufgewachsen. Ich war ein richtig angepisster 14- jähriger Junge, der „Fix me“ von Black Flag gehört hat. Das waren wahrscheinlich die beiden Songs, die mir am meisten mitgegeben haben.
„Ich habe nach Konzerten auf dem Boden geschlafen und meine Schuhe als Kissen benutzt“
Musik war also immer ein großer Teil deines Lebens. In deinem Buch (Anm. d. Red „The Road beneath my feet“) sagst du, dass gerade die Zeit mit deiner ehemaligen Band Million Dead sehr prägend für dich war. Du warst in der Zeit Teil der Londoner Hardcoreszene, inwieweit hat dich denn diese Szenezugehörigkeit abseits der Musik geprägt?
Frank: Wenn ich zurückblicke, war die Hardcoreszene ein super Platz, um sich selbst auszutesten, ein bisschen wie eine Universität das auch ist. Ein Ort, an dem man lernt, sein Leben so zu organisieren, dass es die eigenen Werte widerspiegelt. Ich habe gelernt, wie man Shows spielt, sie bucht, seinen Merch verkauft und mit seiner Crew umgeht. Ich habe nach Konzerten auf dem Boden geschlafen und meine Schuhe als Kissen benutzt, das ist das, was ich mitgenommen habe. Für mich geht es im Punkrock um Unabhängigkeit, Autarkie aber auch darum, den Status Quo sowohl anzustreben als auch abzulehnen und darum, seine Mitmenschen respektvoll zu behandeln. Wie man mit Menschen umgeht, darin spiegeln sich auch die persönlichen Werte wieder. Das bedeutet, dass ich mich um die Leute kümmere, dass ich sicherstelle, dass alle, die zu einem Konzert kommen eine gute Zeit und Spaß haben und es allen gut geht. Das bringt dann natürlich auch unangenehme Momente mit sich. Erst gestern musste ich einen Security entlassen, weil er sich den Besuchern gegenüber schlecht verhalten hat, das geht einfach nicht. Aber im Großen und Ganzen geht es darum, wie man sich Leuten gegenüber verhält. Selbst jetzt als Erwachsener beeinflusst mich die Denkweise, die ich als Jugendlicher mitgenommen habe, in diesen Punkten noch.
Es scheint dich ja dennoch in deinem Leben sehr beeinflusst zu haben. Gab es denn einen Moment, an dem du dich zum ersten Mal wirklich dieser Szene zugehörig gefühlt hast?
Frank: Wow, das ist eine schwierige Frage. Es gab am Anfang definitv schwierige Zeiten, als ich angefangen habe Punk und Hardcore zu hören. Ich hatte damals zwei Freunde an meiner Schule, die das auch gehört haben und dann festgestellt, dass es auch in England eine Szene gibt, also haben wir angefangen, Konzerte zu besuchen und uns mit Leuten von dort zu treffen. Als diese dann aber herausgefunden haben, dass wir Stipendiaten auf einer ziemlich elitären Privatschule waren, haben sie uns stark angefeindet. Zu der Zeit war das für mich sehr deprimierend, weil ich mich von dieser Schule, die ich ja so nicht einmal selbst gewählt habe, distanzierte und die Community mich aber auch genau deswegen nicht akzeptierte. Aber wir drei haben uns dann doch irgendwie durchgeboxt und den Respekt in der Szene erlangt. Wahrscheinlich einfach deswegen, weil wir nicht aufgegeben haben und irgendwann ein großer Teil der Szene wurden, indem wir Konzerte veranstalteten. In der Zeit habe ich zwei Alben von mir eigenständig veröffentlich und drei U.K. Touren organisiert, darauf bin ich wirklich stolz.
„Vielleicht hätten wir einfach aufhören sollen, kleine Jungs zu sein“
Das klingt bisher alles sehr positiv. Gibt es auch negative Seiten aus der Hardcoreszene?
Frank: Es gibt gibt einige Elemente im Punkrock, die sehr kindisch sind, die ich auch gemacht habe, aber ich war eben auch ein Kind damals. Es gibt viele sehr schlechte Lyrics. Zu der Zeit hatte ich die persönliche Mission, Texte zum Status der Hardcoreszene zu schreiben, es gibt überhaupt kein langweiligeres Thema. Wir haben auch riesige Debatten über aggressives Tanzen geführt damals. Rückblickend betrachtet, waren viele der Leute einfach Idioten, die andere im Pit verprügeln wollten. Eine andere Geschichte, die jetzt als Erwachsener sehr lustig ist, war die Diskussion über die Tatsache, dass die Punkszene sehr männerdominiert war und es wenige Frauen gab, die Teil dieser Kultur waren. Unsere Motive an sich waren gut, aber praktisch betrachtet waren wir zwanzig Jungs, die darüber philosophiert haben, wie man mehr Mädchen in die Szene bekommt. Keiner von uns hatte bis dato jemals eine Freundin gehabt oder überhaupt mit einem Mädchen gesprochen, aber wir haben diese unfassbar intensiven Artikel zu diesem Thema verfasst und in Fanzines veröffentlicht. Vielleicht hätten wir einfach aufhören sollen, kleine Jungs zu sein oder ist es sexistisch zu sagen, dass ich nicht unbedingt glaube, dass Frauen an der Szene wegen dem künstlerischen Aspekt interessiert sind.
Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, du hast dich inzwischen komplett von der Punkszene gelöst…
Frank: In der Hardcoreszene bin ich nicht mehr, ich habe aber noch Freunde, die definitiv Teil davon sind. Manchmal gehe ich noch auf Konzerte und sehe eine Band, die unfassbar gut ist und wenn ich meine Freunde dann danach frage, bekomme ich meist zu hören: „Die gibt es jetzt schon vier Jahre, das ist ihre Abschiedstour“ also nein, ich bin nicht mehr wirklich in der Szene. Rund um Xtramile Recordings gibt es in London aber eine Untergrundszene, in der ich durchaus noch eine große Rolle spiele. Jetzt sind beispielsweise Skinny Lister mit auf Tour und meinem Mitbewohner gehört die Bar Monarch. Darauf bin ich schon sehr stolz da dabei zu sein.
[…] ein wunderbarer Aufhänger das doch ist. Oder vielleicht ginge auch: Der von der Welt angepisste, 16 jährige Junge ist wieder da. Nur in einer älteren und weiseren Version. Dass Turner von der momentanen […]